Kapitel 9
Buchmann-Klinik, Berlin, Gegenwart
Nathan schüttelte den Kopf und betrachtete Laura. Sie schien wieder in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein.
„Auch wenn ich leider kein Italienisch kann, schien mir die Aussprache völlig akzentfrei. Ihre Stimme hatte auch einen anderen Klang“, sagte er zu seinem Vater.
„Ich habe einmal vor vielen Jahren einen Sprachkursus für Italienisch gebucht. Ich wollte Deine Mutter auf einer geplanten Europareise damit beeindrucken“ John Sanders machte eine kurze Pause und senkte dabei den Kopf. Auch Nathan schwieg und vermied es seinen Vater anzusehen. Seine Mutter war jetzt seit 5 Jahren tot. Viel zu früh. Ein schnell wachsender Tumor in der Lunge hatte gnadenlos, und sich nicht der Kunst der Medizin beugend, fast aller Organe bemächtigt und allen Therapien widerstanden und schlussendlich auch die Europareise verhindert. Seine Mutter starb qualvoll, ohne dass er sie noch einmal gesehen hatte.
„Du hast Recht“, fuhr John Sanders fort, „sie sprach akzentfrei. Soweit ich es verstanden habe, warnte sie vor einer politischen Katastrophe“
„Eine politische Katastrophe? Was meint sie damit“, wunderte sich Nathan.
„Nicht die leiseste Ahnung“.
Erneut machte sich das kleine Gerät in Nathan´s Hosentasche bemerkbar.
„Doktor Lauch, könnten ich und mein Vater vielleicht an einem ungestörten Ort allein miteinander reden?“ John Sanders sah seinen Sohn verblüfft an.
„Aber selbstverständlich. Ich könnte ihnen mein Dienstzimmer zur Verfügung stellen. Es befindet sich am Ende des Ganges. Wir können hier im Augenblick nicht viel tun. Der Kollege für die Hautuntersuchung wird frühestens in einer Stunde hier sein. Soll ich ihnen etwas zu trinken oder zu essen bringen lassen?“
„Ein Kaffee wäre schön“, war Nathan über das Angebot dankbar.
Sein Vater blickte ihn immer noch erstaunt an.
Sie verließen das Zimmer von Laura und folgten der kurzen Wegbeschreibung von Doktor Lauch. Das Dienstzimmer war klein, ordentlich und spartanisch eingerichtet. Neben einer Couch befand sich nur noch ein Schreibtisch und eine altmodische Stehlampe im Zimmer. John Sanders setzt sich auf die Couch.
„Was soll das?“
Noch bevor Nathan antworten konnte, vibrierte das Gerät in seiner Tasche erneut. Jetzt zog er es heraus und legte es vorsichtig auf den Schreibtisch. Das vibrieren wurde durch die Holzplatte des Schreibtisches in ein deutliches Brummen umgewandelt.
Nathan erzählte von seiner Begegnung im Krankenhauspark mit dem Journalisten van Buren und wie er das Gerät von ihm erhalten hatte.
„Was ist es?“, fragte sein Vater, der sichtlich seine sonst gewohnte Ruhe verlor und auf der Couch nervös mit seinem Bein wippte.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“ Das Brummen hatte aufgehört. Nathan betrachtete das Gerät jetzt näher. Es hatte die Größe einer Zigarettenschachtel, etwas kleiner vielleicht und deutlich flacher. Es war silbern, vermutlich aus Aluminium, aber deutlich schwerer. Von außen war es glatt und hatte keine sichtbaren Vertiefungen, Knöpfe oder andere Mechanismen zum Öffnen. Wenn es überhaupt zum Öffnen gedacht war. Aber irgendwo musste das Vibrieren ja herkommen.
„Darf ich mal“, fragte sein Vater und streckte ihm die Hand entgegen.
Nathan gab seinem Vater das Gerät.
„Ohne Brille kann ich es nicht genauer untersuchen, aber soweit ich es sehen kann, erkenne ich nichts“
Nathan brummte und nahm das Gerät wieder an sich.
Er hielt es gegen das Licht. Es schien etwas eingraviert zu sein. Es sah aus wie ein Symbol und eine Zahl. Nathan sah sich auf dem Schreibtisch nach einer Lupe um. Doktor Lauch musste ein sehr ordentlicher Mensch sein. Der Schreibtisch glich mehr einem Ausstellungsstück, als einer Arbeitsplatte. Oben rechts lag eine riesige, altmodische Lupe. Ein herrliches, altes Stück. Schwer und reichlich mit Verzierungen versehen. Nathan betrachtete erneut das Gerät diesmal durch die Lupe und suchte die Gravur. Er traute seinen Augen nicht. Neben dem Logo, zwei geschwungene Buchstaben – ein Doppel-S – stand die Zahl 4409X2211D. Die Zahl sagte ihm nichts, aber das Logo erkannte er sofort wieder. Es war das gleiche Logo, wie auf seinem Handy, dass er in der Hotelpension zerstört hatte. Es enthielt offensichtlich ein spezielles Ortungssystem und möglicherweise noch andere Dinge, die automatisch abliefen, ohne das Nathan darauf einen Einfluss hatte. Sicherheitshalber hatten sie es lieber zerstört.
„Was ist es?“, fragte sein Vater neugierig.
„Neben einer Zahl, mit der ich nichts anfangen kann, befindet sich das gleiche Logo wie auf meinem Handy. Das SatellitStar, das ich in unserem Hotel nach den Schüssen auf Laura zertreten habe“
„Dann sollten wir es auch zerstören“
„Nicht bevor wir wissen, was es ist, oder was es kann“
„Ist das nicht ein Spiel mit dem Feuer?“, fragte sein Vater vorsichtig und blickte aus dem Fenster.
„Ich meine, es könnte doch wieder jemand auf uns schießen!“
„Das glaube ich weniger“
Nathan untersuchte das Kästchen weiter. An einer Seite
entdeckte er eine kaum sichtbar Klappe. Vorsichtig strich er mit
seinem Zeigefinger darüber, aber konnte nichts fühlen. Er
versuchte es noch einmal, diesmal drückte sanft auf die kleine
Klappe. Sie gab nach und schob sich nach rechts. Nathan stieß
einen leisen Pfiff aus.
„Was ist passiert, Nathan?“
„Hier hat sich eben eine kleine Klappe nach rechts verschoben. Darunter befindet sich ein Art Steckdose. So wie ich es beurteile, könnte es ein Mini-USB Anschluss sein. Wir brauchen Scotty!“, stellte Nathan fest und ließ die Lupe sinken.
„Wo ist Scotty?“, fragte er seinen Vater
„Ich habe ihn im Hotel zurückgelassen. Er weiß noch gar nicht, dass es Laura so schlecht geht.“
Bei dieser Feststellung seines Vaters wurde Nathan noch einmal die ganze Tragweite des bisher Erlebten bewusst. Laura. Er kannte sie doch erst eine Woche und dennoch hatte er ein Gefühl für sie entwickelt, dass er noch nicht richtig deuten konnte. Jetzt lag sie auf einer Intensivstation in Deutschland, kämpfte um ihr Leben und sprach Sätze in einer Sprache, die sie sehr wahrscheinlich nie gelernt hatte
„Wir müssen ihn informieren. Lass uns anrufen. Wir müssen ihn auch treffen. Ich werde mit Doktor Lauch vereinbaren, dass er uns benachrichtigt, wenn es etwas Neues gibt. Oder was meinst Du?“
„Ich werde hier bei Laura bleiben. Sie ist meine Assistentin und durch meine Schuld jetzt in dieser Lage. Ich werde Dich anrufen, wenn sich etwas ändert“
„Dann ruf Scotty an. Ich habe zur Zeit kein Handy, wie Du weißt. Hast Du seine Nummer?“
„Nein“
Nathan brummte. Er hatte sie auch nicht. Jedenfalls nicht im Kopf.
„Seit dem wir diese verdammten Dinger benutzen, kenne ich kaum noch eine Nummer auswendig. Sie sind alle im Handy gespeichert“
„Solange ist doch Dein Handy gar nicht kaputt!“, stellte sein Vater fest.
Nathan zog die Augenbrauen fragend hoch.
„Na ja, ich meine, angerufen hast Du mich ja auch nie“, stichelte sein Vater weiter.
Nathan blickte betroffen auf den Boden.
„Das werden wir ändern. Versprochen“, versuchte er der Stichelei seines Vaters den Wind aus den Segeln zu nehmen.
John Sanders nickte nur stumm und lächelte dabei.
„Ich werde in das Hotel fahren. Gib mir Deine Telefonnummer und wir rufen Dich dann an“
„Da muss ich erst in meinem Handy nachgucken. Ich weiß sie nicht auswendig!“
Jetzt musste Nathan lächeln.
„Fluch der Technik“
„Ja, aber das werden wir ändern“
Nathan verließ das Dienstzimmer und suchte Doktor Lauch.
„Wir haben beschlossen uns zu teilen“, begann er das Gespräch mit dem Kollegen. „Wir haben noch einen Freund hier in Berlin, den ich über den Gesundheitszustand von Laura informieren muss. Er ist Elektroingenieur aus meiner Abteilung in Florida und hat uns bei den Recherchen geholfen. Mein Vater erreicht uns über Mobilfunk, wenn sich etwas ändert“
„Machen sie sich keine Sorgen. Wir passen hier gut auf“, versuchte Lauch etwas die Sorge zu nehmen, die deutlich im Gesicht von Nathan abzulesen war.
„Ich weiß, und dafür sind wir ihnen auch alle sehr dankbar“
Beim Verlassen der Station blickte sich Nathan noch einmal um. Am Ende des Flures stand sein Vater und winkte ihm vorsichtig zu.
Nathan lächelte und winkte zurück. Die letzten Worte seines Vaters saßen noch tief in seinem Herzen. Warum hatte er ihn nicht einfach einmal angerufen? Beide wussten nicht, dass es ein Abschied für immer werden sollte.
Gruß, Chris.
lg an deine liebe Fam 



















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